Das Bobath-Konzept ist ein ganzheitlicher Therapieansatz, der darauf abzielt, die Bewegungsfähigkeit von Menschen mit neurologischen Erkrankungen oder Schädigungen des zentralen Nervensystems zu verbessern. Dabei liegt der Fokus vor allem darauf, die vorhandenen Fähigkeiten der Betroffenen zu nutzen und ihre Lebensqualität zu optimieren. In diesem Beitrag erfahren Sie, welche Übungen im Rahmen des Bobath-Konzepts angewendet werden können und worauf pflegende Angehörige achten sollten. 

Was ist das Bobath Konzept? 

Das Bobath-Konzept ist ein anerkanntes und ganzheitliches Behandlungskonzept, das sich auf Menschen mit motorischen Beeinträchtigungen aufgrund von neurologischen Funktionsstörungen konzentriert. Es findet Anwendung bei Säuglingen, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Bewegungsproblemen, die von Geburt an oder in der frühen Kindheit aufgetreten sind. Das beinhaltet Verzögerungen in der Entwicklung, Schwierigkeiten mit Bewegungen und anderen gesundheitlichen Problemen im Nerven- und Muskelsystem. 

Das Ziel der Therapie ist es, durch wiederholte Bewegungsübungen neue Verbindungen im Gehirn zu schaffen. Dadurch können gesunde Hirnregionen die Funktionen beschädigter Bereiche übernehmen. 

Das Bobath Konzept basiert auf neurophysiologischen und entwicklungsneurologischen Grundlagen und wir optimalerweise in einer berufsübergreifenden Zusammenarbeit von Physiotherapeut*innen, Ergotherapeut*innen, Logopäd*innen, Ärzt*innen und Pflegekräften angewendet. 

Wer hat das Bobath Konzept entwickelt? 

Im Jahr 1943 wurde das Bobath-Konzept von der deutschen Physiotherapeutin Berta Bobath und ihrem Ehemann Karl Bobath, einem Neurologen, entwickelt. Das Konzept zielte zunächst auf die Behandlung und Rehabilitation von Patient*innen mit neurologischen Erkrankungen ab, die unter Bewegungsstörungen infolge von Hirnschäden oder Anomalien litten. Hierzu zählen beispielsweise Krankheiten wie Multiple Sklerose, Schlaganfall oder Morbus Parkinson. 

Wieso wird das Bobath-Konzept angewendet? 

Das menschliche Gehirn ist ein lebenslang lernfähiges Organ. Bei Erkrankungen wie einem Schlaganfall oder Multipler Sklerose können bestimmte Hirnregionen beeinträchtigt werden. Mit Hilfe des Bobath Konzepts können unbeschädigte Bereiche des Gehirns trainiert werden, die die verlorenen Funktionen übernehmen können. 

Im Bobath Konzept geschieht dies durch wiederholte Bewegungsmuster, die individuell an die Fähigkeiten und Grenzen der Patient*innen angepasst sind und gleichzeitig ihre aktive Beteiligung erfordern. Durch diese Übungen werden Nervenbindungen neu strukturiert. Die Patient*innen lernen daher erneut Bewegungen und verbessern ihre Mobilität. Dabei ist es wichtig, die Übungen in das alltägliche Leben der Patient*innen zu integrieren. 

Prinzipien des Bobath-Konzepts

Das Bobath Konzept legt keine Methoden oder Übungen fest, die für alle Patient*innen gleicht gelten. Stattdessen werden in diesem Ansatz die individuellen Fähigkeiten und Einschränkungen berücksichtigt. Diese werden basierend auf bestimmten Prinzipien in die Pflege und Therapie integriert.

Folgende Prinzipien gelten im Bobath-Konzept: 

  1. Förderung und Einbeziehung der aktiven Mitarbeit der Patient*innen in den Therapieprozess 
  2. Ermittlung und Arbeit an der aktuellen Leistungsgrenze der Patient*innen
  3. Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zwischen Therapeut*innen und der Patient*innen 
  4. Unterstützung des Zusammenspiels von Nerven und Muskeln zur Förderung natürlicher Bewegungsmuster
  5. Wiederholtes Einüben von Bewegungsabläufen
  6. Integration dieser Prinzipien nicht während der Therapiesitzungen, sondern auch in den Alltag der Patient*innen 

Durch den ganzheitlichen Ansatz des Bobath-Konzepts erhalten die Patient*innen die Möglichkeit, motorische Fähigkeiten und damit ihre Selbstständigkeit im Alltag wieder zu erlangen. 

Zielgruppen des Bobath-Konzepts 

Das Bobath-Konzept ist eine Methode für Menschen, die aufgrund von Störungen im zentralen Nervensystem von Bewegungsstörungen und Lähmungen betroffen sind. 

Dies umfasst Patient*innen mit: 

  1. Multiple Sklerose 
  2. Schlaganfall 
  3. Schädel-Hirn Verletzungen 
  4. Entzündliche Erkrankungen des Zentralnervensystems 

Das Bobath-Konzept wird angewendet, wenn Personen unter verschiedenen Herausforderungen im Zusammenhang mit ihrem Körper leiden. Dazu gehören ein Mangel an Stabilität, der häufig im Rumpfbereich auftritt, sowie eine übermäßige oder unzureichende muskuläre Anspannung in den betroffenen Körperregionen. 

Es wird auch genutzt, um Fehlstellungen spezifischer Körperbereiche zu korrigieren und Störungen des Körperschemas zu behandeln. Darüber hinaus kommt das Konzept zum Einsatz, um Störungen im Mund- und Gesichtsbereich zu therapieren, die sich auf das Schlucken und Sprechen auswirken. 

Ziele des Bobath-Konzepts 

Das Bobath Konzept zielt in erster Linie darauf ab, verloren gegangene Bewegungsfähigkeiten wiederherzustellen und gleichzeitig die Selbstständigkeit und Sicherheit in alltäglichen Situationen zu verbessern. Durch gezielte Maßnahmen wird ein tiefes Verständnis für die Körpermitte entwickelt und die Körpersymmetrie optimiert. 

Ein Hauptziel des Bobath-Konzepts ist es, potenzielle Schmerzen und Versteifungen zu verhindern und Verkrampfungen zu hemmen. 

Eine weitere zentrale Zielsetzung besteht darin, die Bewegungen der gelähmten und eingeschränkten Seite des Körpers in Koordination mit der gesunden Seite zu verbessern. Dies trägt nicht nur dazu bei, die Funktionalität zu steigern, sondern fördert auch das allgemeine Wohlbefinden. 

Insgesamt strebt das Bobath-Konzept danach, eine ganzheitliche Verbesserung zu erreichen, die über die körperlichen Aspekte hinausgeht. Es geht darum, eine Balance zu finden, die nicht nur die Bewegungsfähigkeit steigert, sondern auch das Selbstvertrauen und die Lebensqualität der betroffenen Personen verbessert.

Das Bobath-Konzept in der Pflege 

In der Pflege und Therapie wird das Bobath-Konzept angewendet, um individuelle Rehabilitationspläne zu entwickeln, die auf die spezifischen Bedürfnisse jedes Patienten und jeder Patientin zugeschnitten sind. Durch die Integration von speziellen Bewegungs- und Aktivierungstechniken strebt das Konzept danach, verlorene Bewegungsfähigkeiten wiederherzustellen, die Selbstständigkeit in alltäglichen Aktivitäten zu steigern und die Lebensqualität der Patient*innen zu verbessern. Therapeut*innen und Pflegekräfte, die das Bobath-Konzept anwenden, setzen hierfür gezielte Übungen, manuelle Techniken und spezielle Bewegungsabläufe ein. 

Dabei gelten insbesondere folgende Anwendungen in der Pflege: 

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  1. Bewegung im Alltag 

Der Fokus liegt darauf, das Gehirn während alltäglicher Aktivitäten mit normalen Bewegungen vertraut zu machen. Dabei zielt die Mobilisation nach Bobath darauf ab, auch die Angehörigen in sämtliche Bewegungsabläufe der betroffenen Person einzubeziehen. 

Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Ausgangsposition des Körpers. Zum Beispiel sollte bei der Mobilisierung aus dem Bett darauf geachtet werden, dass die Füße nicht zu weit vorne platziert werden, um eine effektive Unterstützung ohne übermäßigen Kraftaufwand und Anforderungen an das Gleichgewicht zu gewährleisten.

Wenn die betroffene Person das Bett verlassen möchte, können zwei Transfertechniken angewendet werden. Der tiefe Transfer kommt zum Einsatz, wenn der Patient oder die Patientin noch nicht eigenständig stehen kann. Der hohe Transfer wird genutzt, sobald der Patient oder die Patientin bereits mehrmals sicher stehen kann.

  1. Lagerungen 

Lagerungen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle im Bobath-Konzept. Es gibt Ruhe- und therapeutische Lagerungen. Ruhelagerungen sind für die Regulierung der Muskelspannung gedacht. Gelähmte Körperteile werden so gelagert, dass die Beuge- und Streckmuskulatur minimal gedehnt wird, um eine bequeme Position zu ermöglichen, die zur Muskelentspannung beiträgt. 

Die therapeutischen Lagerungen hingegen werden kurzfristig von geschulten Therapeut*innen angewendet, um die Körperwahrnehmung zu fördern und krankhafte Spannungsveränderungen in den Muskeln positiv zu beeinflussen. Dabei steht die Verbesserung der Körperhaltung und der Muskelspannung im Vordergrund.

  1. Waschen

Eine effektive Methode, um die Körperwahrnehmung von Personen mit starken körperlichen Einschränkungen zu verbessern, ist die Waschung nach Bobath. Dabei ist es entscheidend, die betroffene Person erstmal zu ermutigen, sich so eigenständig wie möglich zu waschen, selbst wenn dies nur für spezifische Körperregionen möglich ist. Der Prozess des Waschens sollte stets von der gesunden zur beeinträchtigten Körperseite hin erfolgen, wobei der Druck sanft erhöht wird, wenn die beeinträchtigten Bereiche erreicht werden. 

Es ist hilfreich, die betroffene Person dazu zu ermutigen, sich bewusst auf die betroffenen Körperpartien zu konzentrieren und aktiv dorthin zu lenken. Während des Waschvorgangs ist es wichtig, jeden Schritt zu erklären. Die Bewegungen sollten behutsam und langsam durchgeführt werden, um ein angemessenes Tempo sicherzustellen. Bei Bedarf können unterstützende Bewegungen angeleitet werden. 

Pflegegrad-12345 Hinweis:
Das sogenannte ADL-Training (Aktivitäten des täglichen Lebens) lehrt Patient*innen, die betroffenen Körperteile in alltägliche Aktivitäten zu integrieren, wie zum Beispiel der Körperpflege, beim An- und Ausziehen oder bei der Nahrungsaufnahme. Das Training trägt zur Steigerung der Selbstständigkeit und des Selbstvertrauens bei betroffenen Personen bei. Es ermöglicht ihnen, ihre Unabhängigkeit zurückzugewinnen und eine größere Kontrolle über ihr tägliches Leben zu erlangen.

Übungen des Bobath-Konzepts

Das Bobath Konzept umfasst verschiedene Übungen, die darauf abzielen, die Bewegungsfähigkeit bei Menschen mit neurologischen Beeinträchtigungen oder Einschränkungen des zentralen Nervensystems zu verbessern. 

Einige dieser Übungen sind: 

  1. Basisübungen für die Körpermitte: Das Einnehmen einer symmetrischen Ausgangsposition bildet die Grundlage vieler Bobath-Übungen. Dies kann das Liegen auf dem Rücken oder dem Bauch, das Sitzen oder Stehen sein. Dabei wird ein Gleichgewicht zwischen der betroffenen bzw. eingeschränkten und nicht betroffenen Körperseite hergestellt. 
  1. Aktive und passive Bewegungsübungen: Diese Übungen umfassen das bewusste Ausführen von Bewegungen durch die Patient*innen selbst (aktiv) oder durch die Unterstützung der Therapeut*innen (passiv), um die Bewegungsfähigkeit zu verbessern und die Muskeln zu stärken. 
  1. Koordinationstraining: Hierbei werden Bewegungsabläufe gezielt trainiert, um die Koordination zwischen betroffener und nicht betroffener Körperseite zu verbessern. Dies kann das Laufen, Greifen oder andere alltägliche Aktivitäten umfassen. 
  1. Haltungskontrolle und Stabilisierung: Übungen, die darauf abzielen, die Körperhaltung zu verbessern und die Stabilität während des Stehens, Sitzens oder Gehens zu fördern, werden eingebunden, um das Gleichgewicht und die Sicherheit der Patient*innen zu verbessern. 
  1. Taktile und sensorische Reize: Das Einbeziehen von taktilem Feedback oder sensorischen Reizen kann helfen, das Körperbewusstsein und die Wahrnehmung zu verbessern, was für die Wiedererlangung von Bewegungsfähigkeiten wichtig ist. 
  1. Funktionstraining für Alltagsaktivitäten: Dies beinhaltet das Einbeziehen der betroffenen Körperregionen in täglichen Aktivitäten wie beim Anziehen, Essen oder der Hygiene, um die Funktionalität in diesen Bereichen zu verbessern. 

Hilfsmittel im Bobath-Konzepts 

Im Rahmen des Bobath-Konzepts können verschiedene Hilfsmittel angewendet werden, um die Effektivität der Übungen zu steigern und Rehabilitationsprozesse zu unterstützen. 

Therapiebälle und Schaumstoffrollen: Therapiebälle können für Übungen zur Stärkung der Rumpfmuskulatur eingesetzt werden, während Schaumstoffrollen zur Verbesserung des Gleichgewichts und der Haltung dienen können. 

Schienen und Lagerungshilfen: Diese Hilfsmittel werden verwendet, um eine bestimmte Position aufrechtzuerhalten und unterstützen das passive Dehnen von Muskeln, um Kontrakturen zu verhindern. Sie können auch zur Stabilisierung der Körperhaltung während des Trainings verwendet werden. 

Gewichtsmanschetten und Widerstandsbänder: Diese Hilfsmittel können verwendet werden, um den Widerstand während des Trainings zu erhöhen, was die Muskelkraft steigert. Gewichtsmanschetten können hierfür an den Gliedmaßen angebracht werden. 

Materialien mit unterschiedlichen Texturen: Um die sensorische Wahrnehmung zu verbessern und das Körperbewusstsein zu fördern, können verschiedene Materialien wie Bürsten, Tücher oder spezielle Bälle mit unterschiedlichen Oberflächen genutzt werden.

Das Bobath-Konzept: Tipps für pflegende Angehörige 

Für pflegende Angehörige, die das Bobath Konzept anwenden möchte, gibt es einige wichtige Tipps, um die Pflege bestmöglich zu gestalten: 

  1. Suchen und fördern Sie die Fähigkeiten

Beginnen Sie damit, die vorhandenen Fähigkeiten der betroffenen Person zu identifizieren und zu unterstützen. Das Bobath Konzept legt großen Wert darauf, die Selbstständigkeit zu stärken 

  1. Raumgestaltung

Gestalten Sie das Zimmer so um, dass die gelähmte Seite häufiger angeregt werden muss. Verschieben Sie beispielsweise das Bett, sodass die betroffene Seite zur Tür zeigt. Dies ermutigt die betroffene Person dazu, den Kopf in Richtung der gelähmten Seite zu drehen, wenn jemand den Raum betritt. 

  1. Aktive Einbindung

Halten Sie den Augenkontakt mit der betroffenen Person und bevorzugen Sie es, die Hand der gelähmten Seite zu halten, um eine aktive Einbindung und Stimulation dieser Körperpartie zu fördern. 

  1. Ganzheitlicher Ansatz bei Aktivitäten

Integrieren Sie die gelähmte Seite in alle Aktivitäten, einschließlich der Waschung. Beginnen Sie mit der gesunden Seite und führen Sie die Bewegung dann mit der Betonung der Körpermitte zur gelähmten Seite hinüber. 

  1. Wenig Sprechen während der Übungen

Reduzieren sie das Sprechen während der Übungen, um die Konzentration der betroffenen Person auf die Bewegungen und das Körpergefühl zu fördern 

  1. Verwendung von Zug- und Hebelkräften

Arbeiten Sie ausschließlich mit Zug- und Hebelkräften, ohne die betroffene Person zu heben. Dies unterstützt die aktive Beteiligung und vermeidet passive Bewegungen